Thesis, WordPress und die GPL

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Die GPL-Kontroverse oder Wie man eine Marke zerstört

16. Juli 2010 · 2 Kommentare · 1377 Tage her

tweet from kingdomgeek

Eine Marke soll Vertrauen ausstrahlen, liest man in Deutschlands Volksenzyklopädie Nr. 1. Diese Maxime gilt auch für DIYthemes und Thesis, die in der WordPress-Premium-Liga ganz vorne mit dabei sind. WordPress und Thesis gelten als Dream Team für jeden ernsthaften Web-Publisher. Seit ein paar Tagen aber hat DIYthemes und damit auch Thesis mit einem enormen Imageverlust zu kämpfen, der vollständig hausgemacht ist. Dieser Beitrag erzählt, wie es dazu kam.

Die Geschichte

Am 12. Juli 2010 wurden die Zip-Dateien auf dem Download-Server von DIYthemes mit einem Schadcode infiziert, der nach der Installation des Thesis-Themes eine kleine, relativ harmlose Backdoor öffnet. Chris Pearson, der Entwickler des Themes wurde noch am selben Tag per Twitter informiert, hat aber offenbar nichts unternommen, denn zwei Tage später, am 14. Juli, war der Schadcode immer noch enthalten. Erst nachdem Ursula Hoffmann und ich im Supportforum und auf Twitter größere Wellen geschlagen haben, wurden die infizierten Download-Pakete gegen saubere ausgetauscht.

Normalerweise würde man jetzt eine öffentliche Entschuldigung erwarten und eine Erklärung, wie es zu dem Serverhack kommen konnte. Denn ein Schadcode im Download ist der Super-GAU für das Marketing eines Premiumprodukts. Der Vertrauensverlust ist enorm. Bei DIYhemes scheint man das aber lockerer zu sehen, denn bisher ist kein offizielles Statement in der Angelegenheit zu finden.

tweet from monsterfarm

Matt Mullenweg, der unumschränkte Herrscher im WordPress-Königreich, nutzt die Gelegenheit, ein paar Schaufeln voll Häme nach Chris Pearson zu werfen und die seit knapp zwei Jahren schwelende Debatte wegen der fehlenden GPL-Lizensierung von Thesis wieder aufzuheizen. In einer spontanen, bei mixergy live übertragenen Telefonkonferenz findet kurz darauf eine Debatte zwischen Matt und Chris statt, bei der keiner der Kontrahenten eine besonders gute Figur macht. Der eine ist provokativ herablassend, der andere großkotzig-arrogant. Trotzdem schlägt sich die gespannt lauschende WordPress-Community überwiegend auf Matts Seite, denn Chris Pearson lässt sie deutlich spüren, dass sie ihm den Buckel runterrutschen kann. Und von dem Punkt an hat er verloren. Plötzlich spielt es keine Rolle mehr, wer Recht oder Unrecht hat; den ausgestreckten Mittelfinger lässt sich niemand gerne zeigen. Entsprechend fallen auch die Reaktionen in den Tweets und den Blogs aus.

Die Folgen

it's not #thesiswp that I have issues with, it's @pearsonified bloated view of himself.

Die ruinöse Schlammschlacht zieht weite Kreise durch das Web. Chris Pearsons Ruf und der Ruf seines Themes kommen täglich tiefer unter die Räder. Auch bei Bloggern, die bisher nicht mal was von Thesis gehört hatten. Immer mehr Blogger werfen Thesis von Bord und steigen auf ein anderes Theme um. Die durch das Web rollende Antipathiewelle, die der Person gilt, schlägt auf das Produkt durch. Rational ist das nicht, aber wo die Emotionen regieren, ist kein Halten mehr. Eine Webagentur bietet Bloggern, die auf das GPL-kompatible Genesis umsteigen wollen, ihre Dienste zum halben Preis an. Matt Mullenweg verspricht, jedem, der Thesis aufgibt, ein neues Theme zu kaufen. Viel zuviele Tweets triefen nur so vor Häme und Zerstörungslust.

Mein Fazit

Ich kann nicht entscheiden, welche Partei im Recht ist und welche nicht, denn das Thema ist zu komplex und meine juristischen Kenntnisse zu gering. Aber eins ist ganz klar: Chris Pearsons Verhalten ist mit der WordPress-Community nicht resonanzfähig und fügt ihm selbst und seinem Produkt nachhaltigen Schaden zu. Wer immer schon mal wissen wollte, wie man eine Topmarke zerstört, findet hier ein Lehrstück.

Um Herrn Pearson tut es mir dabei nicht leid, denn der ist an der Misere selber schuld. Aber dass sein Theme dabei mit in den Strudel gezogen wird, ist schlimm, denn ich halte Thesis nach wie vor für eines der besten WordPress-Frameworks auf dem Markt.

Ich habe Thesis gekauft und würde es jederzeit wieder tun, weil es sein Geld einfach wert ist. Ich werde Thesis auch in Zukunft weiterverwenden und weiterempfehlen. Ich werde es weiterhin für Kundenprojekte einsetzen, denn ich habe bisher nur positive Reaktionen erhalten. Wer Wert auf ein GPL-kompatibles Theme legt, der wird es natürlich bekommen. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass Chris Pearson noch zur Vernunft kommt und Thesis unter die General Public License stellt und dass DIYthemes seine enormen Kommunikationsdefizite erkennt und aufholt. Denn auf die Dauer schadet das trotzige Beharren auf einem nicht konsensfähigen Standpunkt nur dem Image.

twitter quote

Update: Chris Pearson hatte nun doch noch ein Einsehen. Die PHP-Dateien von Thesis stehen jetzt unter der GPL-Lizenz, das gesamte Theme unter einer Split-Lizenz. Es ist damit immer noch urheberrechtlich geschützt, ist aber kompatibel mit WordPress und kann bedenkenlos verwendet werden.

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{ 2 comments… einen eigenen schreiben }

1 André 08.04.10 at 08:32

Vielen Dank für diese Info, hab das gar nicht richtig mitbekommen (war im Urlaub).

Das wirft auch nochmal ein ganz anderes Licht auf Brians Entscheidung, bei DIYThemes auszusteigen: http://technosailor.aaronbrazell.com/2010/07/29/exclusive-interview-brian-clark-leaves-diythemesthesis-theme/ (Womöglich hätte sonst seine Copyblogger-Marke drunter gelitten.)

Bzgl. der Antipathiewelle und der Aussage “Rational ist das nicht” empfehle ich übrigens http://www.brandeins.de/archiv/magazin/irrationalitaet.html

2 Gerd 08.04.10 at 09:35

Das ist ein sehr interessantes und erhellendes interview. Vielen Dank für den Hinweis. Das wäre mir sonst entgangen.

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